Monthly Archives: April 2014

Deine Juliet – Mary Ann Shaffer

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4 von 5 Sternen.

Dieses Buch liest sich zu Anfang wie sich ein Miss Marple Film guckt, nur ohne Mord. Lauter reizende Leute (okay, bis vielleicht auf Mark und Adelaide – was für ein schöner Name übrigens für eine so gemeine Person), eine wahnsinnig tolle, typisch „britische“ Atmosphäre… Man kann sich Land und Leute wirklich bildlich vorstellen.

Man befindet sich in London, Ende des 2. Weltkriegs, als alle anfangen aufzuräumen und versuchen, möglichst schnell wieder irgendeine Art von Ordnung in ihre (meist kaputte) Welt zu bringen.

Juliet, die während des Krieges Kolumnen namens „Izzy Bickerstaff zieht in den Krieg“ geschrieben hat, hat diese Kolumnen inzwischen als Buch herausgebracht und ist auf der Suche nach einem Thema für ein neues Buch. Möglichst etwas Ernsthafteres.

Sie erfährt von einem „Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ und beschließt nachzuforschen, was genau es damit auf sich hat.

So lernt Juliet nach und nach alle Mitglieder dieses Clubs kennen, die – wie der Name schon sagt – alle auf der Insel Guernsey wohnen, und den Club eigentlich nur deshalb gegründet haben, um in der Zeit der deutschen Besatzung nicht den Verstand und Lebensmut zu verlieren. Jedes dieser Mitglieder kann eine (oder mehrere) Geschichte(n) über die Nazis erzählen und was zur Zeit der Besatzung damals alles so passiert ist, und Juliet beschließt, diese Geschichten zu einem Buch zu verarbeiten.

Viele dieser Geschichten haben mit einer Frau namens Elisabeth McKenna zu tun, die Juliet alleine schon aus den Erzählungen unheimlich sympathisch findet, die ihr aber leider nicht persönlich schreiben kann, da sie sich noch in deutscher Gefangenschaft befindet.

Juliet freundet sich durch die Brief-Korrespondenz aber so sehr mit dem „Club der Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ an, dass sie irgendwann einfach persönlich nach Guernsey reist, um dort alle mal persönlich zu treffen.

In diesem Buch geht es (für mich überraschenderweise) vornehmlich um die Besetzung der Insel Guernsey durch die Nazis, wobei es der Autorin gelingt, die Gräueltaten der Nazis beschreiben und einem den Ernst der Lage mehr als deutlich zu machen, ohne dass einem davon so übel wird, dass man sich über’s Klo hängen muss.

Es ist auch wirklich schön zu lesen, dass sie nicht automatisch annimmt alle Nazis sind böse bzw. alle Deutschen sind Nazis. Es gibt immer kleine Anekdoten in diesem Buch, die deutlich machen, dass ein Krieg eigentlich keine Gewinner hat, und dass es auch auf Seiten der Nazis Leute gab, die ihre Menschlichkeit bewahren konnten und helfen wollten. So wie es auch auf Seiten der Briten Leute gab, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren und ihre Nachbarn und Freunde verraten haben. Es wäre sicher schön, wenn es bei solchen Ereignissen strikt schwarz und weiß gäbe, aber leider ist es nie so einfach.

Beinahe schon „nebenbei“ ist „Deine Juliet“ aber auch noch eine Art „Liebeserklärung“ an Bücher und an das Lesen an sich. Dass Bücher und Lesen einem auch in so schweren Zeiten wie dem 2. Weltkrieg helfen und Trost spenden können. Und wenn nicht das, so doch zumindest mal Ablenkung vom tristen Alltag.

Zwei, drei kleine Probleme hatte ich allerdings.

Ich habe wirklich ewig und drei Tage gebraucht, um den „richtigen“ Zugang zu diesem Buch zu finden. Das lag, glaube ich, daran, dass am Anfang wirklich nicht sehr viel „passiert“. Ich meine, klar, ist ja auch kein Thriller oder „Action-Roman“, aber es gibt eben auch nicht so sehr viel Handlung, die einen mitreißen könnte.

Das nächste war: Das ist ein Briefroman. Ich habe schon Schwierigkeiten bei einem „Ich-Erzähler“, und hier hatte ich zig davon. Es fiel mir wirklich schwer, mich von Brief zu Brief immer wieder auf jemand neues einzustellen. Zum Glück war es ja hauptsächlich Juliet, die die Briefe schrieb, aber auch Juliet ging mir gegen Ende des Buches etwas auf den Geist.

Ich mag zwar ihre ganze Art, aber diese Lovestory mit Dawsey? Bitch, please!

Es gibt viele Gründe, warum ich keine Liebesromane lese, aber der mit Abstand häufigste ist die komplette Verblödung von an sich sehr vernünftigen Charakteren. Es mag sein, dass das völlige Verlieren gesunden Menschenverstandes ein Merkmal des Verliebtseins ist, aber ich finde sowas nach wie vor albern und nervtötend.

Sie verzeiht diesem Mark alle möglichen Bevormundungen und braucht 10.000 Jahre, um sich endgültig von ihm zu trennen, nimmt es Dawsey aber sofort und ewig übel, wenn er mal gedankenlos anmerkt, sie hätte ein „sonniges Gemüt“ und einen „leichten Sinn“? Wie kindisch kann man sein? Und dann noch dieses „er-liebt-bestimmt-Remy-schade-aber-kann-man-nicht-ändern-oder-ich-irre-mich-oh-Gott-was-wenn-ich-mich-irre“ Blabla. Anstatt einfach mal das Maul aufzumachen!!!

Und dann kommt noch ein gut-meinender, aber natürlich sämtliche Zeichen komplett falsch-lesender Amateur-Cupido, der beinahe alles nur noch schlimmer macht, und dann bin ich raus.

Ich glaube, ich muss mich damit abfinden, dass es für mich einfach keine Liebesgeschichten gibt, die ich gut finden kann. (Ist aber auch kein Problem. Ich brauche nicht unbedingt welche.)

Aber dieses Buch sollte ja auch kein reiner Liebesroman sein (hoffe ich zumindest, denn sonst war das ein bisschen am Thema vorbei), von daher waren das auch keine großen Probleme. 🙂

Vier Sterne und auf jeden Fall empfehlenswert.

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